Es ist 4:57 Uhr am Bremer Hauptbahnhof, als der Metronom langsam den Bahnsteig verlässt. Während die meisten Menschen noch schlafen, beginnt für mich der erste Teil der Tour. Durch das Zugfenster ziehen die Felder im ersten Morgenlicht vorbei, über den Wiesen liegt noch leichter Nebel und die Temperaturen sind angenehm kühl. Bessere Bedingungen für eine Sommertour kann man sich kaum wünschen.
Schon die Bahnfahrt weckt Erinnerungen. Als Kind war die Strecke zwischen Hamburg und Bremen für mich etwas ganz Besonderes. Der Abschnitt zwischen Sprötze und Lauenbrück gehörte Ende der 1970er-Jahre zu den ersten Strecken der Deutschen Bundesbahn, die für eine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h ausgebaut wurden. Ich erinnere mich noch gut an eine Fahrt, bei der sich plötzlich der Lokführer über die Lautsprecher meldete:
„Hier spricht Ihr Lokführer. Wir haben jetzt unsere Reisegeschwindigkeit von 200 km/h erreicht.“
Damals klang das unglaublich schnell. Heute steige ich in Lauenbrück aus – und setze die Reise mit knapp 19 km/h auf dem Fahrrad fort. Ehrlich gesagt gefällt mir dieses Tempo inzwischen fast besser. Man sieht mehr, hört mehr und erlebt die Landschaft viel intensiver.
Wer sich für die Geschichte der Strecke interessiert, findet im Wikipedia-Artikel zur Bahnstrecke Wanne-Eickel–Hamburg einen spannenden Überblick über den Ausbau zur Schnellfahrstrecke.
Nach wenigen Minuten im Sattel zeigt sich, warum ich solche Bahntouren so mag. Der Alltag bleibt am Bahnhof zurück und vor mir liegen über 60 Kilometer durch eine ruhige norddeutsche Landschaft.
Die Strecke ist hervorragend zu fahren. Bis auf einen kurzen Abschnitt über einen gut befestigten Wirtschaftsweg durch den Wald rollt das Fahrrad durchgehend über Asphalt. Schon nach wenigen Kilometern findet sich ein gleichmäßiger Rhythmus, der die gesamte Tour prägen sollte.
Über Nartum führt der Weg durch die offene Geestlandschaft. Kleine Straßen, Felder und einzelne Baumreihen wechseln sich ab. Der frühe Morgen sorgt dafür, dass kaum Verkehr unterwegs ist und die Ruhe fast greifbar wird.
Weiter geht es Richtung Ottersberg und schließlich nach Fischerhude. Das Künstlerdorf gehört für mich zu den schönsten Orten im Bremer Umland. Alte Fachwerkhäuser, große Eichen und die Nähe zur Wümme verleihen dem Ort eine besondere Atmosphäre. Auch wenn um diese Uhrzeit noch vieles verschlafen wirkt, lohnt sich die Durchfahrt jedes Mal.
Hinter Fischerhude beginnt einer meiner Lieblingsabschnitte der Tour. Über den Deich führt der Weg in Richtung Borgfeld. Rechts und links öffnen sich weite Wiesen, Gräben und Wasserläufe. Kaum zu glauben, dass das Zentrum Bremens nur noch wenige Kilometer entfernt ist. Gerade dieser Abschnitt vermittelt noch einmal das Gefühl, weit draußen auf dem Land unterwegs zu sein.
Doch irgendwann endet jede Ausfahrt. Hinter Borgfeld übernimmt langsam wieder der Stadtverkehr das Kommando. Ampeln, Kreuzungen und dichter werdender Radverkehr verlangen noch einmal volle Aufmerksamkeit. Nach gut drei Stunden im Sattel machen sich die ersten schweren Beine bemerkbar, doch genau diese letzten Kilometer gehören zu einer längeren Tour einfach dazu.
Am Ende stehen 66,65 Kilometer auf dem Tacho. Die Fahrt war keine Jagd nach einer Bestzeit, sondern eine klassische Ausdauertour mit gleichmäßigem Tempo und viel Zeit, die Landschaft zu genießen.
Gerade die Kombination aus früher Bahnanreise, ruhigen Straßen, den Orten Nartum und Fischerhude sowie dem wunderschönen Deichabschnitt vor Borgfeld macht diese Strecke für mich zu einer echten Empfehlung. Wer die Möglichkeit hat, Start und Ziel mit der Bahn zu verbinden, entdeckt Norddeutschland aus einer ganz neuen Perspektive.
Und vielleicht ist genau das der größte Unterschied zu meiner Erinnerung aus der Kindheit: Damals faszinierte mich die Geschwindigkeit von 200 km/h. Heute genieße ich dieselbe Strecke mit weniger als einem Zehntel dieses Tempos – und nehme dabei unendlich viel mehr wahr.
Durchschnittsgeschwindigkeit: 19.64 km/h
Gesamtzeit: 04:13:13

